Wie alles begann (14. Mai 2024)

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Völlig aus dem nichts heraus kam unser Sohn auf diese Welt. Nur gerade sechs Stunden hat es gedauert vom ersten Zucken im Bauch, bis der kleine Bub den ersten Atemzug machte. In diesen Stunden ist viel passiert:

  • David schickt eine Arbeit für sein Studium ab.
  • Lauranne spürt ein Zwicken im Bauch, das regelmäßig kommt und wieder verschwindet. Es wird stärker, aber wird noch nicht als Schmerz wahrgenommen. Am Telefon sagt die Hebamme, dass die 24. Woche oft falsche Wehen bringt. Lauranne könne sich einfach hinlegen und eine warme Bettflasche auf den Bauch legen.
  • Die kleine Schwester von David kommt endlich einmal zu uns zu Besuch.
  • Die „Wehen“ werden stärker und sind sehr regelmässig. Wir wissen nicht was tun. Zwei Stunden sind seit dem letzten Telefon vergangen. Die Hebamme sagt uns noch etwa dasselbe wie beim ersten Mal. Wir müssten selber abschätzen, ob wir ins Spital gehen möchten.
  • Als Lauranne einmal aufsteht, sind die Wehen so stark, dass wir merken: wir müssen ins Spital! Da wir kein Auto haben, fragen wir ein Paar aus der Kirche, ob sie uns fahren können. Sie willigen sofort ein, brauchen aber ca. 20 Minuten, bis sie bei uns sind. In dieser Zeit verlässt uns unser Besuch verfrüht.
  • Die Chauffeuse findet den schnellen und sicheren Weg durch den Feierabendverkehr der Stadt. Doch Lauranne hat nun sehr starke Wehen und krallt ihre Hände in die von David fest. Im Spital angekommen, kann Lauranne noch knapp in den ersten Stock gehen. Bei der Anmeldung ist sie so gebeugt und keuchend, dass eine vorbeigehende Assistenzärztin sofort sieht, dass etwas nicht stimmt, und uns sofort in das Notfallzimmer bittet.
  • Das Zimmer verwandelt sich schnell in ein Bienenhaus. Man versucht, die Wehen hinauszuzögern, merkt aber schnell, dass es dafür zu spät ist. Eine Ambulanz wird bestellt, weil das Spital, in dem wir sind, keine Kinder vor der 32. Schwangerschaftswoche entbindet. Lauranne soll also in ein anderes Spital verlegt werden. Doch es wird schnell klar, dass die Geburt dafür schon zu weit fortgeschritten ist. Es kommt der Moment, in dem uns die leitende Ärztin sagt: „Ihr Sohn kommt heute auf die Welt!“ Dieser Satz lässt David mit vielen Fragen, Ängsten und Befürchtungen in diesem Notfallzimmer in Ohnmacht fallen…
  • Die Wehen werden trotz den Wehen hemmenden Medikamenten immer stärker. Die Hebamme versucht Lauranne zu erklären, wie sie gegen die Wehen anpressen soll, damit der Vorgang möglichst lang verzögert werden kann. Wir hatten noch keinen Geburtsvorbereitungskurs besucht. Eigentlich wollten wir uns sogar an diesem Abend um die Anmeldung für diesen Kurs kümmern und noch alle anderen administrativen Dinge erledigen, die es mit der Geburt zu erledigen gibt. Statt an diesem Abend die Geburt vorzubereiten, waren wir plötzlich mittendrin.
  • Es wird organisiert, dass die Spezialisten aus dem anderen Spital für die Geburt hierherkommen. Alles wird für die Geburt vorbereitet. Bis zum letzten Moment weiss man nicht, ob es einen Kaiserschnitt geben wird oder nicht – je nachdem wie das Kind im Bauch liegt. Unser Sohn bewegt sich aber so fest, dass man sich schlussendlich im Operationssaal für einen Kaiserschnitt entscheidet.
  • David wird in einem Gebärsaal gelassen und Lauranne in den Operationssaal geschoben. Dort kriegt sie ein Schlafmittel. Sie wird erst im Gebärsaal bei David wieder ganz aufwachen.
  • Für David beginnt ein langes Warten. Er weiss nicht, ob es eine normale Geburt oder einen Kaiserschnitt gibt. Dann kommt die Meldung: „Herr Kunz, Ihr Sohn lebt. Und Ihrer Frau geht es gut!“ Eine riesen Erleichterung! Eine Hebamme fragt um das Handy, damit sie ein Foto vom frisch Geborenen machen kann. Eine Viertelstunde nach der Geburt darf David selbst zu ihm. Ein kleiner Junge, ganz rosig, platt auf einem kleinen Bettchen. Man sieht das Herz schlagen und die Lunge, die sich mit der Hilfe der Beatmungsmaschine füllt und leert. Er ist in einen durchsichtigen Plastiksack eingepackt, damit er es schön warm und feucht hat. David kann ihn das erste Mal berühren. Er wird gefragt, ob es schon einen Namen gibt. Ja, über Namen haben wir schon gesprochen, doch David will das nicht entscheiden, ohne noch einmal mit Lauranne darüber auszutauschen. So bekommt unser Sohn das Namensschild „Knabe Kunz“.
  • Lauranne kommt noch halb schlafend zurück in den Gebärsaal. Sie fragt: Hast du unseren Sohn gesehen? Wie geht es ihm? Wir schauen zusammen die Fotos und Videos auf dem Handy an, während wir darauf warten, dass wir ihn live sehen können. Er kommt in einen Transport-Inkubator. Er ist so eingepackt und fixiert, dass man ihn fast nicht sehen kann. Zusätzlich kann sich Lauranne nach der OP noch nicht so gut bewegen. Sie schafft es aber, ihre Hand in den Inkubator zu legen und ihn kurz zu berühren. Unser Sohn wird nun ohne uns ins andere Spital gebracht. Wir sind ein wenig enttäuscht. Wie gerne hätten wir unseren Sohn so richtig gesehen und berührt. Auf das müssen wir noch warten…

Wir waren traurig und glücklich im selben Moment. Wir waren froh für unseren Sohn und waren gleichzeitig auch angespannt, auf die lange und schwierige Zeit, die vor uns lag – war er doch dreieinhalb Monate (!) zu früh zur Welt gekommen. Uns wurde von allen Seiten gesagt, dass die uns bevorstehende Zeit nicht ein Sprint, sondern ein Marathon werden würde. Wir hatten uns für diesen Marathon am ersten Abend etwas vorgenommen, was sich später als sehr wichtig und manchmal auch herausfordernd darstellte. Wir haben uns gesagt: „Jeder Tag, an dem wir unseren Sohn ins Krankenhaus besuchen gehen können, ist ein guter Tag. Denn das bedeutet, dass wir einen Sohn haben, der lebt. Dass unsere „guten Tage“ manchmal mit ganz vielen schlechten Nachrichten gefüllt sein würden, konnten wir in den ersten beiden Tagen noch nicht so richtig erahnen.“

PS: Eigentlich ist uns gesagt worden, dass wir beide nach der Geburt im Gebärsaal übernachten können. Die Betten wurden schon eingerichtet, und wir wollen gerade schlafen. Dann wird uns plötzlich mitgeteilt, dass Lauranne jetzt doch auf die Wochenbettstation verlegt wird und David nur gegen eine Anzahlung von einem sehr hohen Betrag da übernachten kann. So müssen wir getrennt schlafen. Trams und Züge fahren keine mehr. Wir rufen wieder unseren Notfallkontakt an, der David weit nach Mitternacht nach Hause fährt. Wir telefonieren noch einmal miteinander und schlafen dann ein.


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