Zwischen zwei Krisen (17.-21. Mai 2024)

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Mael ist an einem Dienstag auf die Welt gekommen. Am Donnerstag macht er seine Krise mit Blutungen in verschiedenen Organen. Am Freitag ist er wieder stabil, wir haben aber noch keine eigentlichen Informationen, wie es ihm geht. Mael bekommt einen ersten gehäkelten Tintenfisch, den alle Frühgeborenen bekommen, damit sie etwas fassen können, das einer Nabelschnur ähnelt. Der Onkel hat entschieden: Der Tintenfisch heisst Tony.

Lauranne singt viel für Mael, das scheint ihn zu beruhigen. Er hat einen etwas aufgeblasenen Bauch und hat Ödeme am ganzen Körper. Uns schockiert das nicht mehr, denn wir haben uns schon an den Anblick gewöhnt. Für uns ist er der schönste Junge, den wir je gesehen haben!

Am Samstag haben wir das erste Gespräch mit unserer Ärztin, die Mael (und damit auch uns) während des ganzen Spitalaufenthalts begleiten wird. Uns wird mitgeteilt, was wir eigentlich schon wussten: Er ist in einem sehr kritischen Zustand. Dabei ist nicht nur das Überleben ungewiss, sondern auch wie sich die Blutungen in verschiedenen Organen auf seine Entwicklung auswirken werden.

Dieses Gespräch war für uns sehr wichtig, da es klar und offen war. Auf der anderen Seite war es für uns auch sehr hart, die medizinischen Fakten ins Gesicht gesagt zu bekommen. Es sollte das erste von vielen sehr emotionalen Gesprächen sein.

Die Grosseltern aus Lausanne, die während der Geburt noch in Kanada waren, kommen zu Besuch nach Zürich. Endlich können wir unseren Sohn Mael das erste Mal jemandem stolz vorstellen – ein besonderer Moment für alle! Die Grosseltern kommen aber nicht nur zu Besuch, sondern unterstützen uns tatkräftig mit dem Haushalt. In unserer emotionalen Verfassung schaffen wir es nicht, auch nur irgendetwas zu erledigen. Schlafen, Mael besuchen, essen, telefonieren, weinen – das sind unsere Beschäftigungen.

Mael ist weiter stabil und man spricht von einer Extubation. Diese sollte aber noch lange nicht passieren. Am Dienstag verändert sich die Situation ganz schnell. Um 20:00 Uhr steigt der Puls von Mael rasant an. Man sieht, dass er Schmerzen hat und dass die gewohnten Beruhigungsmethoden von Nuggi, Singen und Fingerhalten nicht helfen. Mael lässt sich durch nichts beruhigen. Die Pflegenden werden nervös und rufen die Ärzte. Maels Puls steigt weiter und weiter. Irgendwann muss ihm medikamentös geholfen werden und die Ärzte schicken uns raus. Wir warten dann lange Minuten auf dem Flur. Wir haben keine Ahnung, was jetzt auf der Intensivstation vor sich geht. Wir haben begriffen, dass es eine Situation ist, bei der es um Leben und Tod geht. Irgendwie scheint es mit dem geblähten Bauch in Zusammenhang zu stehen. Aber was ist da los? Wir geht es unserem Jungen? Was passiert jetzt genau? Was können wir machen?

Folgende Stelle aus der Bibel kommt uns in den Sinn:

«Leidet jemand unter euch? Dann soll er beten! Hat einer Grund zur Freude? Dann soll er Gott Loblieder singen. Wenn jemand von euch krank ist, soll er die Gemeindeleiter zu sich rufen, damit sie für ihn beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Wenn sie im festen Vertrauen leben, wird der Herr den Kranken heilen.» Jak 5, 13-15.

Mael kann das noch nicht, aber wir können es für ihn tun. So rufen wir einen Pastor und Seelsorger an, den wir sehr schätzen. Er hat fast eine Stunde Weg, nimmt den aber in den Abendstunden auf sich. 

Während wir noch auf den Seelsorger warten, wird uns mitgeteilt, dass der Zustand von Mael sich stabilisiert hat. Man wisse aber nicht wirklich, was diese Krise ausgelöst hat. Der Bauch sei noch sehr hart, und man hoffe, dass er seine Windeln das erste Mal so richtig füllt.

Der Seelsorger kommt mit uns zu Mael. Er betet für ihn und wir salben ihn mit Öl und segnen ihn. Das führt uns ganz praktisch vor Augen, dass Gott über Mael wacht und ihn beschützt. Emotional völlig erschöpft und todmüde kommen wir um Mitternacht zu Hause an. Besonders David machte die Erfahrung, dass man, obwohl man erschöpft und müde ist, trotzdem stundenlang mit offenen Augen und im Kreis drehenden Gedanken im Bett liegen kann. 


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